Kinder und Kino

Anmerkungen zu einem Filmbesuch mit Kindern - von Folker Hönge aus Film & Fakten


Es ist Sonntag! Beim gemeinsamen Mittagessen reift beim Vater der Gedanke mit seinem 7jährigen Sohn ins Kino zu gehen. In der Zeitung werden die Filme herausgesucht, die mit "freigegeben ohne Altersbeschränkung" oder "ab 6 Jahren" gekennzeichnet sind. Schließlich wird ein Film gewählt, der vom Titel her dem Vater bekannt ist, WOLFSBLUT nach der Erzählung von Jack London. Die Erlebnisse eines jungen Mannes mit dem Hund Wolfsblut in der Wildnis Alaskas zur Zeit des Goldrausches dürften für Vater und Sohn gleichermaßen interessant und unterhaltsam sein. Voller Vorfreude begibt man sich kurz vor 15 Uhr auf den Weg ins Kino.

An der Theke im Filmtheater werden schnell noch zwei Limonaden gekauft und ab geht's in den Vorführsaal. Der Raum ist fast vollbesetzt mit jungen Zuschauern, die meisten in Begleitung ihrer Eltern. Die Stimmung ist gut, überall herrscht Gelächter und aufgeregtes Erzählen. Endlich ist es soweit: der Saal verdunkelt sich, der Vorhang wird geöffnet und auf der Leinwand erscheinen die ersten Bilder. Doch statt des erhofften Spielfilmes laufen Werbefilme, die für Bausparverträge, Jeans, Autos oder Getränke werben. Ist dies überstanden, beginnt der Film immer noch nicht. Jetzt laufen kurze Filme, sogenannte Trailer, die auf neue Kinofilme hinweisen. Auch diese Filme müssen, ebenso wie die Werbefilme, alle mit der Kennzeichnung "ohne Altersbeschränkung" oder "frei ab 6 Jahren" versehen sein. So erschrecken oder belasten diese Filme die kleinen Zuschauer zwar nicht, aber sie interessieren sie auch nicht. Die Vorfreude auf das filmische Erlebnis WOLFSBLUT wird allmählich durch Ungeduld oder Langeweile ersetzt.

Doch jetzt geht es los! Der Film läuft an. Gespannt verfolgen Vater und Sohn die Handlung. Wunderschöne Naturaufnahmen Alaskas ziehen alle in ihren Bann. Die Gespräche sind verstummt und die Kinder schauen mit großen Augen auf die Leinwand. Doch plötzlich wird der Hundeschlitten mit den zwei Männern von Wölfen verfolgt. Einige Kinder fangen an aufgeregt zu rufen, um die Männer auf die drohende Gefahr, die hinter ihnen lauert, hinzuweisen, andere dagegen greifen ängstlich nach der Hand ihrer Mutter oder ihres Vaters. Auch der 7jährige Sohn unseres Vaters sucht den Körperkontakt. Leise fragt er, ob die Wölfe denn die beiden Männer fressen wollen. Das Geschehen auf der Leinwand nimmt weiter seinen Lauf. Die Wölfe kommen immer näher. Der Vater sieht auf das gerötete Gesicht seines Sohnes und fragt, ob er Angst habe. Diese Frage wird von dem Kleinen wahrheitsgemäß mit "Ja" beantwortet, wobei der Junge noch hinzufügt, daß dies ein schrecklicher Film sei. Da wird es dem Vater zuviel. Er hat sich auf einen geruhsamen sonntäglichen Filmnachmittag mit seinem Sohn gefreut, wollte ihm etwas besonderes bieten und nun dies: der Junge fürchtet sich und sucht ängstlich die Nähe des Vaters. Mitten in der Verfolgungsjagd stehen die beiden auf und verlassen den Kinosaal. Im Foyer beschwert sich der Vater bei dem anwesenden Kinobetreiber darüber, daß ein solcher Film vor Kindern ab 6 Jahren vorgeführt werde. Etwas verunsichert, aber wahrheitsgemäß, gibt der Kinobetreiber Auskunft, daß der Film ab 6 Jahren freigegeben sei. Der Vater ist empört, und der 7jährige Junge ist noch voll mit den Eindrücken der wilden Verfolgungsjagd. Enttäuscht gehen die beiden nach Hause. Auf dem Heimweg nimmt sich der Vater vor, sich am nächsten Tag bei der FSK in Wiesbaden über diese Freigabe zu beschweren. Der mit so viel Vorfreude begangene Kinonachmittag ist zu Ende. Schade, denn es müßte eigentlich nicht so sein!

Kino als Erlebnis
Zunächst einmal ist es grundsätzlich zu begrüßen, wenn Eltern ihren Kindern ein ungewöhnliches und aufregendes Seherlebnis vermitteln wollen. Auch 6jährige leben heute nicht mehr in einem medienfreien Raum. Ganze Sendezeitblöcke im Fernsehen sind auf diese Zielgruppe hin angelegt und erfreuen sich bei den kleinen Zuschauern großer Beliebtheit. Werden diese Sendungen einmal nicht gesehen, so werden sie doch im Freundeskreis und in den Schulpausen thematisiert. Diese Fernsehsendungen konsumieren die Kinder oft allein und nur nebenbei im Rahmen ihrer nachmittäglichen Freizeitgestaltung. Besondere Konzentration oder intellektuelle Anforderungen sind dazu meist nicht erforderlich.

Anstatt sich mit dem Gesehenen länger auseinanderzusetzen wird bereits dem nächsten Programmangebot entgegengefiebert. Aus dem alltäglichen Fernsehen kann somit ein beliebiges Konsumieren bunter Bilder werden. Anders ist dies beim Kino. Der Film wird meist mit den Eltern zusammen ausgesucht und eine längere Handlung steht im Mittelpunkt der Rezeption. Die Vorfreude wird dadurch gesteigert, daß man das Haus verlassen muß, der dunkle Saal und die große Leinwand tun noch ihr Übriges. Auch die Musik und der laute Ton der Sprache erwecken das Interesse der kindlichen Zuschauer. Faszinierend ist jedoch die Größe des Bildes. Wird z.B. auf dem Fernsehschirm ein Rudel Wölfe gezeigt, erweckt dies oftmals keine besondere Anteilnahme. Beim Kinofilm aber befindet sich das relativ kleine Sehfeld der kindlichen Zuschauer innerhalb der Leinwandhandlung, es wird nicht begrenzt. Diese Größe des Leinwandbildes erfordert bzw. ermöglicht ein flächenhaftes Sehen, wobei die Augen ständig in Bewegung sind. Auch die "Scharfeinstellung" der Augen, das heißt die Größe der Pupillen, ändert sich, da das Leinwandbild ein Sehen in die "räumliche" Tiefe erlaubt. Der kleine Zuschauer ist visuell aktiv mit der Filmhandlung verbunden. Seine Aufmerksamkeit in kognitiver wie emotionaler Hinsicht ist ungleich stärker beansprucht als beim Fernsehen. Die kindliche Anspannung in physischer wie psychischer Hinsicht ist sehr groß.

Kinder verarbeiten dies in ihrer eigenen Weise. Sie versuchen weniger die Handlung rational einzuordnen und bestimmte Situationen zu hinterfragen, als vielmehr unmittelbar emotional zu reagieren. Dies kann sich in spontanem Lachen, Aufspringen, in aufgeregtem Rufen, aber auch in Angstäußerungen zeigen. Der dunkle Vorführsaal wird zum emotionalen Erlebnisraum. Dies ist bei uns Erwachsenen nicht anders als bei den kleinen Zuschauern. Nur gehen wir sehr schnell wieder rational damit um, während Kinder den Gefühlen freien Lauf lassen. Gerade hierin besteht aber auch die Qualität des Kinos für Kinder.

Kinder haben auf das Erleben dieser besonderen Rezeptionsqualität ein Anrecht. Es erlaubt ihnen quasi-realistische Situationen nachzuerleben, nachzuempfinden und spontan darauf zu reagieren. Ein solches Kinoerlebnis wirkt oftmals lange nach und bietet immer wieder Anlaß zu Gesprächen mit Gleichaltrigen oder mit den Eltern. Während sie eine halbstündige Fernsehsendung oftmals sehr schnell langweilt, sind viele von ihnen bereits in der Lage, im Film gesehene längere Handlungsstränge zu verfolgen.

Der Besuch eines Kinofilms bleibt ein außergewöhnliches Erlebnis. Viele Eltern versuchen deshalb durch den gemeinsamen Kinobesuch dieses Erlebnis zu kultivieren. Sie zeigen ebenfalls emotionale Reaktionen, reden mit ihren Kindern über das Gesehene und geben ihnen zu Hause Gelegenheit, die Filmhandlung nachzuspielen. Hierdurch wird die kindliche Sehkultur auf unmerkliche Weise gefördert und dem Trend zum beliebigen Konsum bunter und schneller Bildfolgen entgegen gewirkt. Das Kino wird zum Kulturerlebnis, was sich positiv auf eine bewußte Selektion von Filmen bei späteren Kinobesuchen entwickeln kann.

Filmbeispiel WOLFSBLUT 
Die Ausschußmitglieder in der FSK-Prüfung sind sich ihrer Verantwortung gegenüber den jungen Filmbesuchern bewußt. So werden keine Filme freigegeben, die nach ihrer Ansicht Kinder einer betreffenden Altersgruppe inhaltlich oder formal unzumutbar belasten. Um zu dem Beispiel WOLFSBLUT zurückzukehren. Der Arbeitsausschuß diskutierte intensiv die Freigabe dieses Films. Dabei kam natürlich auch die Verfolgungsszene mit dem Wolfsrudel zu Beginn des Films zur Sprache. Für Kinder der betreffenden Altersgruppe ist diese Sequenz sicherlich aufregend und spannend, zum Teil auch angsterzeugend. Doch diese Bildfolge bleibt so nicht stehen. Sie wird durch die darauffolgende Handlung, die sich zum Teil aus wunderschönen Landschaftsaufnahmen zusammensetzt, wieder aufgefangen. Diese Aufeinanderfolge von abenteuerlichen und ruhigen Sequenzen, eingebunden in einen epischen Erzählfluß, ist das durchgängige Prinzip dieses Filmes. Hierdurch sollen unaufgelöste Spannungsmomente, die gerade kleinere Kinder nicht verkraften können, vermieden werden.

Auch die Gesamthandlung des Filmes ist für Kinder durchaus nachvollziehbar. Sie schildert die intensive Freundschaft zwischen einem jungen Mann und Wolfsblut. Diese Freundschaft wird im Laufe der Handlung immer intensiver und übersteht alle gefahrvollen Momente. Im weiteren Handlungsgang werden auch Hundekämpfe gezeigt, veranstaltet von verantwortungslosen Menschen. Der Film steht hierbei in seiner Aussage moralisch eindeutig auf der Seite der Gegner dieser Kämpfe. Auch diese Sequenzen sind spannend und dramatisch, wobei jedoch bei der Kameraführung sensibel darauf geachtet wird, daß keinerlei tatsächliche Kampfhandlungen zwischen den Hunden gezeigt werden. Am Ende des Films aus der Walt Disney-Produktion wird darauf hingewiesen, daß alle Tierdressuren artgerecht durchgeführt wurden. Der Bösewicht wird schließlich von Wolfsblut am Hosenboden festgehalten.

Der Film ist episodenhaft aufgeteilt, so daß er dem kindlichen Rezeptionsvermögen entgegenkommt. Zahlreiche Aufnahmen sind aus der Perspektive des Tieres gezeigt und vermitteln somit dem Zuschauer eine direkte Anteilnahme am Geschehen. Diese Perspektive verdeutlicht aber auch die intensive emotionale Beziehung zwischen Mensch und Tier.

In der ausführlichen Diskussion des Ausschusses überwogen in ganz erheblichem Maße diese positiven Elemente sowohl spannungsaufbauender als auch spannungslösender Art, die in weiten Teilen kindgerechte Visualisierung und der positive Handlungsstrang der Freundschaft zwischen Mensch und Hund. In Gesprächen mit Eltern und Kindern, die diesen Film besuchten, wurde dies besonders betont.

Pädagogische Informationen
Allerdings ist die Alterskennzeichnung keine pädagogische Empfehlung. Sie trägt lediglich Sorge dafür, daß Filme, die geeignet sind, das körperliche, geistige oder seelische Wohl einer betreffenden Altersgruppe zu beeinträchtigen, nicht zur Vorführung vor ihnen freigegeben werden dürfen.

Wie aber soll sich nun der Vater verhalten, der sich an der Altersgrenze der FSK orientiert und feststellen muß, daß sein Sohn bereits zu Beginn dieses Filmes so viel Angst zeigt?

Der erste Schritt ist sicherlich, sich nach der FSK-Alterskennzeichnung zu richten. Zahlreiche Institutionen bieten aber noch zusätzliche pädagogische Informationen an. Zu nennen wären hier u. a. die Bildstellen, die Filmdienste, kirchliche Medienzentralen, das Kinder- und Jugendfilmzentrum in Remscheid, die Jugendämter, die Landesarbeitsstellen der Aktion Jugendschutz und teilweise auch die Kinoveranstalter selbst.

Natürlich ist auch die FSK gerne bereit, zusätzliche Informationen zu den Filmen zu geben. Entscheidend ist jedoch, daß die Eltern die psychische Befindlichkeit ihrer Kinder kennen und ihre Reaktion auf ein ungewöhnliches Medienerlebnis einschätzen können.

Das Verhalten unseres Vaters ist sicherlich verständlich, doch kann es dazu beitragen, daß eben nur diese eine Sequenz in der Erinnerung seines Sohnes bleibt. Die Ent-Spannung der darauffolgenden Szenenfolge hat der kleine Junge nicht gesehen. Die visuelle Entlastung fehlt.

Ein momentanes Angsterlebnis braucht für Kinder keine Beeinträchtigung zu sein. Ihre große Anteilnahme am Geschehen wirkt bis in die nächste Handlungsfolge hinein, die ihnen wieder Gelegenheit zum Lachen oder auch Staunen gibt. Diese Wechselbäder der Gefühle sind gerade für einen von Kindern als spannend empfundenen Film bezeichnend. Es ist wichtig, daß Eltern ihre Kinder während dieser "Wechselbäder" begleiten. Ein beruhigendes Gespräch während des Films, das Drücken der Hand, oder aber auch das gleichfalls gezeigte Erschrecken vermitteln ein Gefühl der Solidarität und Geborgenheit, das Kindern hilft, die Anspannung zu verarbeiten. Ältere Kinder reagieren in ähnlicher Weise untereinander.

Sind die Eltern letztlich unsicher, ob der Film tatsächlich für ihre Kinder geeignet ist, ist es sicherlich angebrachter, auf den Kinobesuch zu verzichten, als enttäuscht nach der Hälfte des Films mit den Kindern das Kino zu verlassen oder ihn einfach über sich ergehen zu lassen.

Der Kinofilm kann - punktuell - ein Kristallisationspunkt kindlicher Emotionalität sein, er kann ein Baustein zur Entwicklung einer eigenständigen Sehkultur sein, er kann aber auch zur Enttäuschung bzw. Frustration von Eltern und Kindern führen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen die Prüfungsausschüsse der FSK dem weitestgehend entgegenzuarbeiten, sind zahlreiche pädagogische Institutionen und Initiativen bemüht, in Kooperation mit den Kinobetreibern den sehenswerten Kinofilm für Kinder zu stützen und zu fördern. Am wichtigsten bleibt jedoch die Rolle der Eltern. Der Kinobesuch von Eltern und Kindern sollte ein Gemeinschaftserlebnis sein, das beiden Seiten erlaubt, ihre Emotionalität zu zeigen und gemeinsam zu verarbeiten.

Von Folker Hönge aus "Film & Fakten"
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