Laudatio auf Heinz Badewitz

von Alfred Holighaus


Berlin, 12.09.2014

„Der Regisseur kann heute nicht hier sein. Er dreht leider einen neuen Film.“ Wer Heinz Badewitz nicht kennt, könnte diesen Satz für einen reinen Versprecher halten – und dabei den Valentinschen Schalk des Oberfranken übersehen, der den größten Teil seines Lebens in München verbracht hat, weil er dort Anfang der sechziger Jahre die Kunst der Kameraführung gelernt hatte, während er offensichtlich die Kunst der Verführung zum Kino schon längst zu beherrschen schien.

Heinz meint, was er sagt. Zum Beispiel, wenn er einen Film nicht gut findet, und ihn partout nicht einladen möchte. Das mag ein Grund dafür sein, dass es keinen Menschen auf der Welt gibt, der so lange ein Festival leitet wie er.

Heinz Badewitz ist ohne Zweifel und – wie wir wissen und soeben noch mal gehört haben – ohne Stolz der nachhaltigste, erfolgreichste und konsequenteste Nachwuchsförderer des deutschen Films. Er hat Filmemacher entdeckt und begleitet, die heute Klassiker sind. Er hat die ersten Filme von Werner Herzog, Wim Wenders und Rainer Werner Fassbinder gezeigt und stöbert immer noch ziel- und stilsicher durch die Filmhochschulen, um wieder einer neuen Generation auf die Sprünge zu helfen. Das mag auch eine Erklärung für seine phänotypische Alterslosigkeit sein. Eine andere ist sicher die legendäre Frisur, die streng genommen auch das Produkt Badewitz´scher Nachwuchsförderung ist. Der heutige Starcoiffeur Gerhard Meir war noch ein junger Münchner Friseurgeselle, als er Heinz den Schnitt verpasste.

Heinz´ Festival, die Internationalen Hofer Filmtage, entstand bekanntlich durch Zufall. Weil es 1967 in München kein Kino gab, das die filmischen Abenteuer einiger Filmemacher aus der Landeshauptstadt zeigen wollte, überzeugte Heinz Badewitz einen Kinobetreiber aus seiner Heimatstadt nahe der deutsch-deutschen Grenze, die Filme an einem Nachmittag zu zeigen. Die Filmemacher brachten ihre Arbeiten persönlich und buchstäblich unter dem Arm zu einem Publikum, das sie neugierig anschaute. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Schon wieder so ein einfaches und deshalb überraschendes Erfolgsgeheimnis: Es geht in Hof nur um die Filme.
Na ja. Fast nur. Aber der Fußball ist ein eigenes Kapitel.

Und die Liste der Filmemacher, die in Hof und durch Hof die ganze Welt auf sich aufmerksam gemacht haben, lässt sich nicht – wie manche unbedacht vermuten – auf den Kader des FC Hofer Filmtage reduzieren. Schon alleine, weil dann die beeindruckende Riege der Regisseurinnen komplett fehlen würde: Doris Dörrie, Vivian Naefe, Sherry Hormann, Caroline Link, Neele Volmar, Friederike Jehn, Julia von Heintz. Auch Christoph Schlingensief hat nie mitgespielt, Peter Kern schon gar nicht. An Alexander Kluge – zumindest auf der Ersatzbank – kann ich mich auch nicht erinnern. So wenig wie an Rosa von Praunheim, Dominik Graf, Hans-Christian Schmid, Ulrich Seidl, Veit Helmer. Einmal hat sich John Carpenter kurz auf den Platz verirrt. Er musste nach wenigen Minuten ausgewechselt werden, weil er sich dort auch verirrt hat.

Aber was für eine Offensive über die Jahre: Werner Herzog, Wim Wenders, Sönke Wortmann, Peter Lohmeyer, Rüdiger Heinze. Im Mittelfeld: Rainer Werner Fassbinder, Baumi Baumgartner, Christian Petzold, Joachim Krol. In der Abwehr: Florian Gallenberger und Florian Cossen. Und im Tor: Detlev Buck oder Tom Tykwer.
Aber Fußball ist ja ein eigenes Kapitel.

Wim Wenders, der nie seine Verbundenheit zu Heinz und seinem Festival verloren hat, behauptet bekanntlich, der Name der Stadt sei nichts anderes als die Abkürzung für HOME OF FILMS. Intimer, emotionaler und verbindlicher kann man den Charakter des Festivals, auf dem Heinz Badewitz seine Gäste prinzipiell nicht von Überraschungen verschont, nicht beschreiben. Hof ist nicht heimelig. Aber in Hof fühlen sich Filmemacher, Filme und Zuschauer gleichermaßen Zuhause. Ich erinnere mich an so viele selbstverständliche, aber unvergessliche Ereignisse und Begegnungen in den gut drei Jahrzehnten, wo es mich in der letzten vollen Woche des Oktober magisch nach Hof zieht. Die rauschende Nacht nach der Weltpremiere von Doris Dörries MÄNNER, bei der die Vertreter des ertappten Geschlechts bis zum Morgengrauen feierten, weil sie sich auch verstanden fühlten. Die raumgreifende Nervosität des jungen Berliner Kinomachers Tom Tykwer in der dritten Reihe des alten Central-Kinos vor der Premiere seines zweiten Kurzfilms BECAUSE oder der Nachmittag im Hotel Strauss, an dem mir Peter Jackson an seinem Laptop erklärte, dass in Zukunft Kino auch am Computer entstehen könne.

Peter Jackson am Kneipentisch. Heinz hat und hatte sie alle: Roger Corman und David Cronenberg, den jungen John Sayles und den alten unerschöpflichen Geschichtenerzähler Sam Fuller. Mike Leigh und Costa-Gavras.

In Hof, dem Zuhause des Films, liegen Geschichte und Zukunft des Kinos ganz nah beieinander. Einmal hätte ich das fast verpasst, weil es vom Krankenhaus keine Zufahrt zur A 9 gab, die man auf halben Weg nach München verlassen muss, um nach Hof zu kommen. Da hat mich Heinz, der notabene eigentlich keine ruhige Minute auf seinem Festival hat, jeden Tag angerufen. Und am Spieltag gleich drei Mal. Von der Seitenlinie. „Wir liegen zurück, mussten aber Sönke Wortmann trotzdem auswechseln. Willst du ihn mal sprechen?“

Womit wir endlich beim Fußball wären. Hier gibt es nämlich noch einen Superlativ zu melden. Heinz Badewitz ist der einzige Mann auf der Welt, der gleichzeitig Präsident zweier Fußball-Clubs ist. Er steht dem FC Hofer Filmtage ebenso vor wie dem FC Filmwelt Hof. Doch wenn er abends in seinen Kinos verkündet, wie die Begegnung dieser beiden Mannschaften auf dem Platz der Freien Turnerschaft am Theresienstein ausgegangen ist, verliert er kurzfristig seine Neutralität und offenbart wieder diese entwaffnende Ehrlichkeit und unvergängliche Leidenschaft, von denen diejenigen profitieren, die Heinz für sein Festival und den deutschen Film nicht müde wird zu entdecken.

Wir freuen uns, dass der Mann heute da ist, der gerade gottseidank die nunmehr 48. Ausgabe seines Festivals vorbereitet. Der FIRST STEPS Ehrenpreis 2014 gebührt Heinz Badewitz.




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